Donnerstag, 18. Dezember 2014

Kein Ochs und kein Esel vor der Krippe


VILLA CLEMENTINE Tierkrimiautor Markus Bennemann zu Gast beim Wiesbadener Presseclub / Kreativität und Lernfähigkeit

WIESBADEN. Wie alle Jahre wieder begrüßte Feuilletonchefin Viola Bolduan die Mitglieder des Wiesbadener Presseclubs und moderierte gleichzeitig die letzte Veranstaltung des Jahres. Wobei die Moderation an sich schon ein Kunstwerk war, wie so mancher Zuhörer bei der Verabschiedung nicht umhin kam zu bemerken.
Keine leichte Aufgabe
Es war keine leichte Aufgabe, einen so vielseitigen Gast wie den Wiesbadener Markus Bennemann vorzustellen und zu würdigen. So ist er unter anderem Journalist, Übersetzter, Biologe, Autor und Krimiautor, genauer gesagt: Tierkrimiautor. Das war dann auch das Thema des Abends, eine Woche bevor Wildbraten und Weihnachtsgans auf den Tisch kommen. Zur Einstimmung verlas Bennemann eine Kolumne, die er im Wiesbadener Kurier veröffentlicht hatte, und Nachdenkliches über die sich in der Landeshauptstadt angesiedelten Nilgänse ausführte.
Merkte man hier schon die Gabe des Autors, sich in die Tiere einzufühlen, so wurde dies im zweiten Lesepart deutlich. In einem Kapitel aus seinem ersten Kriminalroman "Adlerblut" wird aus Sicht des Adlerweibchens erzählt, wie es sich um das Nest, das Junge, sorgt, wie es dafür kämpft, damit der Nachwuchs am Leben bleibt. Ziemlich schlecht kommt dabei der Terzel weg, also das Adlermännchen. Als emanzipierte Adlerdame weist sie ihren Gatten zurecht, zeigt ihm, wo es langgeht und könnte eigentlich auf ihn verzichten, wenn sie ihn nicht für die Jagd auf die großen bunten Tiere benötigte.
War das für manchen eine zu starke Vermenschlichung, so unterstreicht es aber Bennemanns Anliegen. Einerseits in Kriminalromanen unterhaltsam Wissen über Tiere und ihr heutiges Leben vermitteln, andererseits auf die veränderten Lebensbedingungen in Flora und Fauna aufmerksam machen, wie etwa in seinem Video-Bericht über die Luchse in der Fasanerie und die Rückkehr schon fast ausgestorbener Arten. Gleichzeitig betont er, dass der Unterschied zwischen Tier und Mensch gar nicht so groß sei, wie es früher immer behauptet wurde.
Wie kreativ und lernfähig Tiere sind, kann man in seinem Buch "Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich" nachlesen. Da gab es noch reichlich zu erzählen, doch die Zeit verging wie im Fluge, sodass am Ende der Moderatorin nichts übrigblieb, als darauf hinzuweisen, dass zwar "Ochs und Esel mehr als Weihnachtsgeschichte können", sie erst viele Hundert Jahre nach Christi Geburt "dazu" erfunden wurden und dass im Lukas-Evangelium, das uns ja die Weihnachtsgeschichte erzählt, kein Ochs und kein Esel im Stall vor der Krippe stehen.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.12.2014, Seite 22
Von Richard Lifka

Montag, 29. September 2014

Krimi-Autor mit Anrecht auf Einzelzelle


RHEINGAU-LITERATUR-FESTIVAL Ulrich Wickert zu Gast auf Schloss Johannisberg / Lesung aus "Das marokkanische Mädchen"

So sehr der Moderator Heiner Boehncke auch insistierte, endlich mal einen Hamburg-Krimi von Ulrich Wickert lesen zu dürfen, blieb der Autor dabei: Seine Kriminalromane sind in Frankreich angesiedelt und werden es weiterhin sein. Genauer gesagt: Paris. Warum auch nicht. Lebte der Gast beim diesjährigen Rheingau Literatur Festival nicht nur viele Jahre in Paris, leitete lange Zeit das Pariser ARD-Studio, gilt als ausgesprochener Frankreichkenner und erhielt 2005 den Titel "Offizier der französischen Ehrenlegion". "Was den Vorteil hat, wenn ich mal ins Gefängnis muss, das Anrecht auf eine Einzelzelle zu haben und mir mein Essen aus einem Restaurant bringen lassen kann", so Wickert über diese Auszeichnung.



Aber es sprächen noch weitere Gründe für den Handlungsort Paris. So sei die Kriminalität in Deutschland eher mittelmäßig im Vergleich zu Italien mit seiner Mafia und Frankreich mit seiner korrupten Regierung. Außerdem gäbe es die Position des Untersuchungsrichters, der uneingeschränkt ermitteln kann. Dies sei für ihn der Ausschlag für seinen Protagonisten Jacques Ricou gewesen. Natürlich konnte die Chance, einen derartigen Kenner unseres westlichen Nachbarn nicht ungenutzt bleiben, um ihn nicht nach den aktuellen Beziehungsproblemen zwischen den beiden Ländern zu befragen. Eine halbe Stunde lang stand der ehemalige Tagesthemen-Moderator Rede und Antwort, bevor er aus seinem neuen Roman "Das marokkanische Mädchen" vorlas. Fünf Abschnitte bekamen die Zuhörer im voll besetzten "Fürst-von-Metternich-Saal" zu hören. Fünf Abschnitte, die mit einer Überschrift eingeleitet und jeweils aus einer anderen Perspektive erzählt werden. Da gibt es einen Auftragskiller, einen französischen und englischen Radrennfahrer und einen marokkanischen Kleinkriminellen, der mit Freund, Ehefrau und Tochter unterwegs zu einem Deal ist. Schnell ist klar, worauf das hinauslaufen wird. Bevor die gefesselt zuhörenden Besucher in die Pause gingen, wurden sie Zeugen eines vierfachen Mordes.
Auch im zweiten Teil des Abends ging es wieder um Frankreich. Zur Diskussion stand die unterschiedliche Interpretation des Begriffes Kultur in den beiden Ländern, festgemacht an der Auffassung von Kultur und Zivilisation. Wickerts klare Aussage dazu: "Ein zivilisierter Mensch ist mir wesentlich lieber als ein kultivierter." Was dann die Überleitung zu Jacques Ricou bildete, dem Genussmenschen und der Hauptfigur aller fünf Kriminalromane.

Spannende Fragen
Die zweite Textpassage, die Wickert las, stellte den Protagonisten vor, beschrieb ihn bei seinem allmorgendlichen Ritual: Im Lieblingsbistro Zeitung lesen, dabei ein oder zwei noch warme Croissants in den Café au Lait tunken. Wem da nicht sehnsüchtige Bilder in den Kopf kamen? Noch stundenlang hätte man Wickert zuhören können, hätte ihm viele Fragen stellen und vor allem wissen wollen, wie die Kriminalgeschichte sich fortentwickelt. Für Fragen war keine Zeit mehr. Wie es mit dem versteckten marokkanischen Mädchen weitergeht, kann und sollte jeder selbst lesen. Garantiert eine informative und spannende Unterhaltung.



Wiesbadener Kurier Rheingau vom 26.09.2014, Seite 22

Samstag, 8. März 2014

Kompliziertes Verhältnis

Von Richard Lifka

WIESBADEN. "Frauen wissen, wie sie sich fühlen, wenn sie nicht ganz klar im Kopf sind." Mit diesem Statement beendete Rose-Lore Scholz, die Wiesbadener Kulturdezernentin ihre Begrüßungsrede im Literaturhaus Villa Clementine. Nicht nur dieser Satz gab den zum Empfang der diesjährigen Krimistipendiatin Doris Gercke erschienenen Kulturschaffenden und Kommunalpolitikern Rätsel auf. Sicherlich auch die Frage, warum eine gut vorformulierte Rede so unverständlich vorgetragen wird oder auch warum die Dezernentin viermal hocherfreut die neue Leiterin des Fernsehkrimifestivals, Cathrin Ehrlich, begrüßte.
Wohlstrukturierte Fragen

2014 03 Doris Gercke-Artikel


Nun gut, nachdem dies überstanden war, leerten die Gäste die zum Empfang gereichten Gläser und begaben sich in den bis auf den letzten Stuhl gefüllten roten Salon. Angestrahlt von starkem Scheinwerferlicht des Hessischen Fernsehteams, nahmen Doris Gercke und die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf auf der kleinen Bühne Platz und schlugen das Publikum in ihren Bann. Die gut formulierten und thematisch wohlstrukturierten Fragen der Moderatorin machten es der Autorin leicht, aufgeräumt und frei zu antworten, sodass sich sofort ein interessantes und unterhaltsames Gespräch entwickelte.
Natürlich ging es hauptsächlich um Gerckes bekannte Romanfigur, die Hamburger Ermittlerin Bella Block und den zuletzt erschienenen Roman "Zwischen Nacht und Tag" (2012). Die Serie, die 1988 mit "Weinschröder, du musst hängen" ihren Anfang nahm, sei nun zu Ende, sagte die Autorin, endgültig! Die literarische Bella Block war gemeint, nicht die aus der gleichnamigen Fernsehserie, die wird noch weiter ermitteln. Allerdings hätten beide Figuren (TV und Roman) außer dem Namen, kaum etwas gemein. Die gesamte Biografie, die sich Gercke für Bella Block ausgedacht hat und die in den Romanen immer eine Rolle spielte, sei in den Fernsehproduktionen völlig ausgeblendet. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Zwar ist die Ermittlerin ein rein fiktives Produkt ihrer Erfinderin, aber die Romane als auch die Filme greifen stets hochaktuelle und gesellschaftlich relevante Themen auf und sind in der realen Welt angesiedelt. Nun jedoch sei Bella tot, bestätigte die Autorin, was wahrscheinlich am Ende des Jahres in einem Kurzkrimi aufgelöst werden wird.
Nachdem Gercke einige Passagen aus "Zwischen Nacht und Tag" vorgelesen hatte, Passagen, in denen nicht ein einziges Mal die Ermittlerin erwähnt wurde, drängte sich die Frage zum Verhältnis Gercke-Block auf. Ein sehr kompliziertes, meinte die Schriftstellerin. Denn Bella gäbe es viermal: einmal als Teil der Autorin, einmal als Roman-, dann aber auch als Fernsehfigur und letztendlich die Schauspielerin Hannelore Hoger, die diese drei Figuren darstelle.
Dass Doris Gercke nicht nur Krimis schreibt, sondern ebenso Kinder- und Jugendbücher, Hörspiele und Gedichte, geht meist bei den Gesprächen unter. Dem zum Trotz las sie zum Abschluss drei amüsant-nachdenkliche Gedichte, die stark an Tucholsky oder Kästner erinnerten.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.03.2014, Seite 35

Dienstag, 18. Februar 2014

Geburtstagsfeier mit "alten Recken"

 

Von Richard Lifka

WIESBADEN. Was 1986 mit Marc Kelly Smith in Chicago seinen Anfang nahm und 1994 in Berlin erstmals in Deutschland stattfand, wurde 1999 in Wiesbaden in Form eines Vereins ins Leben gerufen. "Where the wild words are" ist ein Literaturverein, der sich dem Poetry Slam verschrieben hat. "Wir bevorzugen die Begrifflichkeit Wilde Worte für unseren Dichterwettstreit", sagte Jens Jekewitz bei der einberufenen Pressekonferenz im 60/40, der Kneipe im Schlachthof. Diese Art des literarischen Vortragswettbewerbs, manchmal auch als "Dichterschlacht" bezeichnet, der sich bewusst gegen die herkömmlichen "Wasserglas-Lesungen" richtete, hat sich mittlerweile als feste Größe im Literaturbetrieb etabliert.

2014 02 Wenn in Wiesbaden Wilde Worte wallen WK-Artikel


Einfache Regeln
Die Regeln sind einfach und gelten unverändert: Ein Schriftsteller betritt die Bühne, trägt einen selbst geschriebenen Text vor, hat dazu genau sieben Minuten Zeit und das Publikum bewertet direkt im Anschluss mit Noten zwischen eins und zehn. Text- und Vortragsqualität werden dabei gleichwertig berücksichtigt.
Was für die Zuhörer ein großer Spaß ist, kann für den "Slamer" zu heftiger Kritik geraten. Dass sich diese Veranstaltungsart ungebrochener Beliebtheit erfreut, bestätigte Hendrik Harteman und verwies dabei auf die stets gut besuchten Poetry Slams, die jeden letzten Mittwoch im Monat in der Räucherkammer des Schlachthofs stattfinden. "Eigentlich die bestbesuchteste Literaturveranstaltung in Wiesbaden."
Die Macher des Vereins hatten nicht ohne Grund geladen. Schließlich gibt es etwas zu feiern: das 15-jährige Bestehen von "Where the wild words are". Am 26. Februar wird es im Salon der neuen Halle im Schlachthof hoch hergehen. Aktuelle Stars wie Catherine de la Roche, Tilman Döring oder auch die "alten Recken" wie Stefan Schrahe und Karsten Hohage werden auftreten und sich den "Feiertagsgästen" stellen. Eine Live-Band wird für die nötige Untermalung sorgen, wenn bei einer kleinen Gala Anekdoten der vergangenen 15 Jahre vorgestellt werden und die eine oder andere Überraschung zu erwarten sei. Aber dies ist noch geheim, wie das bei Geburtstagsüberraschungen so üblich ist.
Sponsor gesucht
Geburtstagswünsche? Klar. Viele Besucher und natürlich eine Verbesserung der finanziellen Situation, die durch die allgemeinen Kürzungen im Kulturbereich auch vor den "Wilden Worten" nicht haltgemacht hat. Ein Sponsor wäre auch nicht zu verachten. Hoffen wir, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen. Denn der Poetry Slam sollte unbedingt erhalten bleiben. Wer schon mal an so einer Veranstaltung teilgenommen hat, weiß, wie beim Dichterwettstreit die deutsche Sprache in all ihren Facetten geformt, gelebt und erlebt werden kann.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.02.2014, Seite 20

Samstag, 8. Februar 2014

Ein Schriftsteller zwischen zwei Städten

Von Richard Lifka

WIESBADEN . Was haben Görlitz, die größte geteilte Stadt Europas und die Bauhaustil-Stadt, "die niemals schläft", Tel Aviv, gemeinsam? Zumindest Michael Guggenheimer, der über beide Städte jeweils ein Buch geschrieben hat, weil dessen eigene Biografie mit beiden Orten eng verwoben ist. Aus der Partnerstadt Wiesbadens floh die Familie seiner Mutter 1933 nach Tel Aviv, wo nun er geboren wurde und zur Schule ging. Danach trieb es seine Eltern nach Europa zurück, zunächst nach Amsterdam. Heute lebt Guggenheimer in der Schweiz, ist Autor, Fotograf, Kulturnetzwerker, Moderator, Vorsitzender des Deutsch-Schweizer PEN Zentrums und noch einiges mehr.
Seine Muttersprache sei Iwrit (das moderne Hebräisch), er schreibe aber in Deutsch und sei kein Schriftsteller, sondern Texter, sagt der dunkel gekleidete Mann, und beantwortet die wohlformulierten und präzise gestellten Fragen der Moderatorin Viola Bolduan (Presseclub). Eingeladen hat der deutsch-polnische Kultursalon "Pokusa" in Kooperation mit dem Wiesbadener Presseclub und dem Literaturhaus. Viele sind gekommen und keiner hat es bereut.

2014 02 Guggenheimer WK-Artikel

Format und Stil
Zunächst las der Autor aus dem Buch "Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft". Auf der Suche nach den Wurzeln seiner Vorfahren erschreibt sich Guggenheim die Stadt und lässt Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. Noch viel eindringlicher und intensiver wirkten die Geschichten, die er aus seinem 2013 erschienenen Buch las: "Tel Aviv - Hafuch Gadol und Warten im Mersand". Nicht nur der Titel bedarf der Erklärung (Hafuch Gadol ist ein großer Milchkaffee und Mersand der Name eines traditionsreichen und beliebten Cafés in Tel Aviv), sondern auch die Buchgestaltung, auf die der Verlag großen Wert und viel Liebe verwandt hat. Beim Versuch, das Format und die Art des Lesens auf einem elektronischen Gerät nachzuahmen (von oben nach unten scrollen), kommt das Buch in ganz eigenem Stil daher. Zusammen mit Fotografien des Autors, kreativen und verliebten Details, ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das sicherlich in dieser Art einmalig ist und bleiben wird.
Atmosphäre der Stadt
Genauso wie die Intensität der gelesenen Texte. Ob Guggenheimer vom Club der älteren, aus Europa stammenden, Damen mit ihren philippinischen Betreuerinnen erzählt, der sich werktäglich im Café Mersand trifft, die Atmosphäre der Stadt am Sabbat zeichnet, über die Probleme der Zweisprachigkeit oder die "Problemlosigkeit" einer Taxifahrt berichtet, stets entstehen den Zuhörern die entsprechenden Bilder im Kopf. Auch die unterschwellige, aber permanente Angst vor Bombenattentaten konnte nicht den Wunsch trüben, die "weiße Stadt am Meer" endlich einmal zu besuchen. Ein gelungener Abend mit einprägsamen Texten, einem sympathischen Autor und einer exzellenten Moderation, die das Publikum mit einem Extraapplaus honorierte.

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 08.02.2014, Seite 21