Dienstag, 10. November 2015

Schmerzlich schlecht gelesene Fragmente


WIESBADEN . Ein jaulender Hund im Literaturhaus-Café, krächzende Stimmen aus dem gelben Salon, eine leiernde Kassettenaufnahme aus dem Raum nebenan, undefinierbare Geräusche aus verschiedenen Lautsprechern gehörten genauso zur musikalisch-literarischen Installation der in Bonn geborenen Schriftstellerin Mara Genschel, wie ein Handy, das in einer Glasvase auf der Bühne stand und den Text laut wiedergab, den die Leiterin des Literaturhauses, Susanne Lewalter, von ihrem Platz aus der hinteren Reihe vorlas. Etwa 25 Gäste harrten der Dinge, die sich da vor ihren Augen und Ohren abspielten. Thema der von der Frankfurter Gesellschaft für neue Musik veranstalteten Reihe "Carte blanche", in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Literaturhäusern, war ein "Büchlein" über die Villa Clementine.

Im Dämmerzustand


Die von den Mitarbeiterinnen des Hauses, Barbara Westhaus und Renate von Arend sowie dem Facility-Manager Joachim Löblein bruchstückhaft vorgetragenen Texte beinhalteten zum einen die Beschreibung der Villa und zum anderen das Bemühen, für "das Büchlein" einen geeigneten Titel zu finden und mit dem Publikum eine Art Deal einzugehen. Verfielen die Zuhörer schon nach kurzer Zeit durch die Monotonie der immer gleichen Textpassagen, der teilweise fast schmerzlich schlecht gelesenen Fragmente in einen Dämmerzustand, so steigerte sich dies noch, als Mara Genschel selbst die Bühne betrat, sich dekorativ in einen der roten Plüschsessel setzte, sich im goldgerahmten Rundspiegel betrachtete, Lippenstift auftrug und dann gelangweilt, dafür aber holprig aus dem "Büchlein" vorlas. Mag die Art des ungeübten Vortragens ein von der Künstlerin gewollter unwillkürlicher Fehler (Lapsus) sein, ganz besonders als der Jazzmusiker und Kontrabassist Ulrich Phillipp in Anzug und roter Krawatte eine viel zu lange Textpassage ziemlich unbetont darbot, so ist dies gelungen.

Trockener Applaus

"Die Dehnung des Literaturbegriffs kann zur Überdehnung des Musikbegriffs führen. Kann! In diesem Fall betritt ein prinzipiell an Deals mit dem Publikum interessierter Gegenpart das Boot, den ich die schiefe Feindseligkeit meinerseits auszutarieren anheuerte ...", so die Ankündigung zu der "Handlungsfreiheit", die Mara Genschel für die Gestaltung des Abends erhalten hatte. Die musikalische Leitung hatte nicht der erkrankte Mario de Vega (also der Gegenpart), der die Performance zusammen mit der Schriftstellerin konzipierte, sondern der Komponist Martin Schüttler. All diese Ungewöhnlichkeiten, gegen das herkömmliche Verständnis von Literatur und deren Vortrag sowie das Hören von Musik als eine austüftelte Klangcollage im Zusammenspiel mit Stimmen aus unterschiedlichsten Wiedergabemedien, haben sicherlich dazu geführt, dass der Abend mit einem eher trockenen Applaus vom Publikum quittiert wurde.

Dennoch: Es war spannend, manchmal überraschend, hin und wieder unterhaltsam. Schade, dass die Künstlerin nicht bereit war, anschließend über ihr Werk zu diskutieren.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 10.11.2015, Seite 20
Von Richard Lifka